Edgar Allan Poe

„…sag, welch hohen Namen gab man dir in Plutos nächtger Spähr’?
Sprach der Rabe, Nimmermehr…“

Der unheimliche Gast in nächtlicher Abgeschiedenheit in Person eines wortgewandten Raben gehört zu den bekanntesten Figuren, die der amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe schuf. Mit Fantasie und Visionen prägte er Genres von der Kriminalliteratur, über die Science Fiction bis zum Horror. Beliebt sind seine Geschichten wegen des Wahnsinns, der Unheimlichkeiten, die in Herz und Mark kriechen, wegen seiner einprägsamen Symbole und ihrer poetischen Dichtung.

Edgar Allan Poe wurde 1809 in Amerika geboren. Ein geschichtsträchtiges Jahr, denn auch Männer wie Charles Darwin oder Abraham Lincoln erblickten das Licht der Welt. Eine Welt, die es zu verändern, ja zu verbessern, galt. Die Welt des als Edgar Poe geborenen Schriftstellers verwandelte sich bereits sehr früh, ganz ohne sein Zutun. Der Sohn eines tourenden Schauspielerpaares, mittellos und krank, verlor seine Eltern als der Junge noch in der Wiege lag. Als Edgar gerade ein Jahr alt war, verschwand der Vater von einem Tag auf den Anderen. Niemand wusste wohin, weder warum und was mit ihm passiert sei. Nie wieder hat man seitdem etwas von ihm gehört oder gesehen.

Die Mutter, an Tuberkulose erkrankt, verstarb, da war Edgar noch nicht ganz drei Jahre alt. Zusammen mit seinen Geschwistern blieb er ohne finanzielle Mittel zurück. Von diesem Schicksal erfuhr die Großkaufmannsfamilie Allan in Richmond. Die Frau des Hauses überredetet ihren Mann zumindest den jungen Edgar aufzunehmen. Seine Geschwister kamen in andere Familien oder zu Angehörigen.

Es klingt beinah wie ein Märchen. So muss es Edgar später zumindest vorgekommen sein. Der Junge aus ärmlichen Verhältnissen plumpst nach dem Verlust seiner Eltern in die Arme einer reichen Familie. Dieser Glücksfall läutete die Geburtstunde des Edgar Allan Poes ein.

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© Wikipedia

Viele seiner Texte, ob Gedichte oder Erzählungen, sind von den Erlebnissen mit dem weiblichen Geschlecht geprägt. Nach dem tragischen Tod der sehr jungen, zarten und anmutigen Mutter nahmen zugleich die Adoptivmutter Frances Allan, eine Tante und ein schwarzes Kindermädchen diesen Platz ein. Sie verwöhnten und liebten den Jungen. Der neue Vater, John Allan, hingegen ließ seiner Fürsorge auch eine gute Portion Strenge und Zweifel untermischen. Er hatte Pläne für den Sprössling: Erfolg in jeder Weise. Aber diesen musste sich der junge Edgar erstmal verdienen, denn der als „General Poe“ bezeichnete Vater war der reichste Mann in Richmond und ganz Virginia. Zu Verdanken hatte er dies allerdings nicht großer Anstrengung sondern einer Erbschaft.

Von Geburt an war und sollte Edgar Allan Poes Leben zerrissen von Liebe, Krankheit und Tod sein. Obwohl ein angesehner Schüler, Kamerad und Freund, wurde er in nie wahrhaftig glücklich. So scheint es zumindest.

Seiner ersten Liebe, da war Edgar gerade dreizehn oder vierzehn Jahre, widmete er ein Gedicht. Es ist bekannt als „TO HELEN“. Die als Helen bezeichnete Schöne war die Mutter eines Klassenkameraden, ihr Name Jane Stanard. Ihre Anmut hatte den jungen Edgar nicht entzückt, sondern auch zum Gedicht schreiben animiert. Sie verstarb ebenso jung wie seine leibliche Mutter.

Mit siebzehn Jahren studierte Edgar Allan Poe in Charlottesville. Alte und neue Sprachen an der Universität von Virginia interessierten ihn. Zu dieser Zeit ereigneten sich die ersten Exzesse. Der junge Edgar trank, spielte und machte erhebliche Schulden. Vielleicht weil sein Vater, John Allan, seine Ambitionen zum Künstlerischem nicht gut hieß und ihn nur knapp finanziell unterstützte. Der Vater hatte wohl den Plan, der Sohn würde scheitern und den für ihn vorgesehenen, gesellschaftlich anerkannten Weg wählen.

Sicherlich mochte für Edgar Allan Poe gerade die Studienzeit an der Universität nicht zu der einfachsten gehört haben, umgeben von vielen reichen und verzogenen Jugendlichen, die nur eins im Sinne hatten: Ausschweifungen.

Da musste und wollte der junge Edgar mithalten. Dazu kamen diverse familiäre Probleme. Vor allem das Verhältnis zum Ziehvater geriet immer mehr in Misslage bis es 1827 zum Bruch kam. Folglich trat Edgar Allan Poe unter falschen Namen in Boston in die Armee ein und kehrte seinem Heim und Familie den Rücken. Ganz so wie es einst sein Vater getan hatte. Erneut strandete Edgar Allan Poe in der Welt der Armut und der Einsamkeit, die fortan bis zu seinem Tod an ihm festhielten.

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Fort Moultrie © Wikipedia

Mit achtzehn Jahren dann veröffentlichte Poe seinen ersten Gedichtband. Die Kosten dafür trug er selbst. Forscher gehen von circa 50 bis 200 Exemplaren aus, genau sind sie nicht mehr zu zählen. „TAMERLANE AND OTHER POEMS“ erschien nicht unter seinem richtigen Namen, sondern mit dem Zusatz „By a Bostonian“.

Als der Gedichtband auftauchte, trat Poe seinen Dienst bei der US Army an. Er hatte sich für fünf Jahre verpflichtet und wurde mehrmals befördert, darunter zum Sergeant Major, dem höchstmöglichen Rang für einen Soldaten. Dank seines Vaters, mit dem er versuchte, sich zu versöhnen, wurde er nach nur zwei Jahren aus dem Dienst ehrenhaft entlassen. Inzwischen war die Mutter Frances Allan verstorben und der junge Edgar sah sein Erbe und den finanziellen Ruhestand nun gänzlich davonschwimmen, nicht allein wegen der nicht zu bereinigten Streitigkeiten mit dem Ziehvater. Inzwischen waren zwei uneheliche Söhne von John Allan aufgetaucht und der Vater verheiratet. Edgar Allan Poe fühlte, da war kein Platz mehr für ihn.

1829 lebte er bei der Schwester seines verstorbenen Vaters und deren Tochter, seiner Cousine Virgina. Sein zweiter Gedichtband erschien, diesmal unter seinem richtigen Namen: „AL AARAAF, TAMERLANE AND MINOR POEMS.“
Ein Jahr später ging er, auch dank seines Ziehvaters, nach West Point. Wiederum zwei Jahre später erschien der dritte Gedichtband „POEM“, darunter frühe Versionen von „TO HELEN“ und „THE CITY IN THE SEA“. Ab hier begann der Schriftsteller nun auch Erzählungen zu schreiben.

1835 heiratete Poe seine damals erst dreizehn Jahre alte Cousine Virgina. Sie war ein junges, kränkliches Ding, engelsgleich und zerbrechlich – ganz so wie Poes Mutter. Er kehrte nach Richmond zurück, um dort die vorher bereits in einigen Versuchen angefangene Arbeit für den von Thomas W. White gegründeten SOUTHERN LITERARY MESSENGER zu schreiben. Während seiner Zeit dort soll sich dessen Auflage von 1000 auf 5000 Exemplare erhöht haben. Vor allem aber machte sich Poe einen Ruf als Literaturkritiker. Viele seiner eigenen Erzählungen, darunter „BERENICE“, „MORELLA“ oder „LOSS OF BREATH“ erschienen im MESSENGER.

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Cousine und Frau Virginia © Wikipedia

1837 zog es Poe und seine kleine Familie nach New York, um dort ein eigenes Magazin herauszugeben. Alle Versuche scheiterten jedoch. Die Familie zog weiter nach Philadelphia. Dort erschien 1838 „LIGEIA“ in dem Magazin THE AMERICAN MUSEUM OF SCIENCE, LITERATURE AND THE ARTS. Die Geschichte ist weltweit bekannt und sehr beliebt. Sie erzählt von einer uns Menschen angeborenen Kraft: Dem Willen. In „LIGEIA“ überdauert die Hauptfigur den Tod, um weiterhin bei dem geliebten Menschen verweilen zu können. So schafft es Poes weibliche Protagonistin mittels Reinkarnation und starkem Willen ins Leben zurückzukehren.

Eine andere Leidenschaft Poes neben dem Schreiben war die Kryptologie. Das logisch-analytische Denken faszinierte Poe seit jeher. Er trainierte regelrecht das Dechiffrieren von Geheimschriften und forderte zu Wettbewerben auf, bei denen man ihm jene einsenden sollte, die er nicht zu entziffern vermochte. Tatsächlich misslang ihm dies unter hunderten von Einsendungen nur einmal.

1940 flammten die Pläne für Poes eigene Literatur-Zeitschrift erneut auf. Zuerst nannte er sie THE PEN, später THE STYLUS. Leider fehlte ihm bis zum Tod das nötige Kapital. Auch die Bekanntschaft mit Charles Dickens, den Poe sehr verehrte und in seinen Kritiken mit lobenden Worten überschüttete, half nichts. Obwohl der englische Schriftstellerstar versprach, sich für Poe und seine geplante Zeitschrift einzusetzen, stieß das Vorhaben auf taube Ohren.

Geplagt kehrte Poe mit samt Familie nach New York zurück, um dort sein Glück erneut auf die Probe zu stellen. Hier entstand „DER RABE“ (THE RAVEN). Das einzigartige Gedicht brachte ihm nicht nur Aufmerksamkeit sondern auch Ruhm zu Lebzeiten. Aber damit begann auch die Zeit seiner Selbstsabotage. Man munkelte bereits in Philadelphia, dass Edgar Allan Poe Probleme mit dem Alkohol habe, streitsüchtig sei und uneinsichtig.

Rabe

© Lolita Büttner

1843 erhielt er die einmalige Chance vor dem damaligen Präsidenten John Tyler einen Vortrag zu halten. Dieser sollte ihm endlich das ersehnte Geld für sein geplantes Literatur-Magazin THE STYLUS einbringen. Leider betrank sich Poe aufs Heftigste und vertat diese Chance. So wurde er dem als inzwischen von ihm mit Fluch benannten Ausspruch seines Ziehvaters gerecht, der einst gemeint hatte, Edgar werde nie zu etwas taugen.

1847 starb Edgars Frau Virginia. Sie erlag ihrer Tuberkulose. Seine Trauer verarbeitete der scheinbar dauerhafte niedergedrückte Poe in zahlreichen Gedichten und Erzählungen. Auch schlug er in seinen Schaffenswerken neue Wege ein, entwickelte sich stets weiter. Dazu kam der eine oder andere Versuch, eine neue Frau in sein Leben zu lassen. Angeblich soll Poe wegen einer Verschmähung sogar versucht haben, sich mit Opium das Leben zu nehmen. Aber darüber kursieren Vermutungen, die wie sein Leben im Dunkeln liegen.

1849 traf er auf seine Jugendliebe Sarah Elmira Royster, die er mit vierzehn, fünfzehn Jahren inbrünstig verehrt hatte. Damals allerdings fing ihr Vater die leidenschaftlichen Briefe Poes ab, so dass sein Flammen und Flehen nie erhört und die Angebetete anderweitig vermählt wurde.

1849 war es dann aber soweit. Elmira, inzwischen verwitwet, erhörte sein Werben und beide verlobten sich. Das Happy End schien zum Greifen nah. Zu einer Hochzeit kam es jedoch nicht, Poe verstarb 1949 auf so mysteriöse Weise wie sein Leben begonnen hatte. Was genau mit ihm geschah, was zum Tode führte, darüber reihen sich zahlreiche Geschichten, die alle aus der Hand des Schriftstellers selbst stammen könnten. Er selbst würde sie mit einem Schmunzeln lesen und mit aller Wahrscheinlichkeit noch besser ausschmücken, als wir es je für möglich halten könnten. Doch die Wahrheit seines Ablebens findet sich „nimmermehr“.

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